Der Beginn einer langen Reise – Krankenstation und Whiskey

Cmdr Bangalor
Cmdr Bangalor

3:30 Uhr – früh, es ist noch Nacht, so weit man das hier sagen kann. Ich kann nicht schlafen. Heute ist es soweit. Das Jahr 3302 hat frisch begonnen und es soll heute losgehen – meine erste, wirklich große Forschungsreise. Dr. Han von der Universal Carthographics Forschungsstiftung (UCF) hat mich die letzten drei Monate ständig gestalked, um mich schlussendlich zu überzeugen, ihr blödes System zu finden, welches natürlich hinter Sagitarrius A liegt, dem Kern unserer Galaxis. Bloß für einen simplen Detailscan des dahinterliegenden Planetensystems. Nun, nein sagen konnte ich auch nicht, die Vergütung war zu verlockend und das Geld brauche ich derzeit wohl sehr dringend. Die lassen sich das ganz schön was kosten von der UCF, Leute auf lange Reisen zu schicken, um ihnen Datenscans und Fotos von entfernten Sonnensystemen zurückzubringen. Dr. Han war das wichtig, es war ihr sogar sehr wichtig, dass ICH da hinfliege. „Cmdr Bangalor – für so eine lange Reise, nehmen wir nur die Erfahrensten“. Und dann faselte sie noch was von unbekannten Artefakten für die Wissenschaft und Signalen, die sie für Ihre Forschung brauchten, da hatte ich schon unterschrieben. Dr. Han hob dann wieder mal ihre beiden Augenbrauen und kuckte mich wieder so an mit einem erleichtertem, aber nicht ganz sorgenfreiem Seufzen.

Nun, ja, ich liege in meiner angemieteten Koje im Hiyya Orbital, im Arjung System. Li, der Chinese hat mir hier irgendwann mal ein nettes Plätzchen kostengünstig im Outer Rim Dock des Orbitals verschafft, irgendwann parkte ich mein erstes Schiff hier, dann das zweite, na, ja und so wurde es doch mein Heimatdock, obwohl man es sich hier auf Hiyya auch schon mit einer verstaubten, dreckigen und olgetränkten Matratze zwischen den Landepads gemütlich machen kann. Und das sage ICH, der ursprünglich auf der Galileo Station unserer schönen Mutter Gaia Fraktion, im System SOL geboren wurde. Lang ist es her.

6:00 Uhr – ach was soll´s. Ich stehe auf. Ich nehme mir meinen dunklen und starken Any Na Kaffee und stehe im Hangar nun vor meiner ASP Explorer. Ein schon dreißig Jahre alter Rosthaufen, getauft auf den Namen: B.S.C. Glan Naur. Die Glan Naur habe ich über die Jahre mit einem explorertauglichen Fitting bestückt, also leichte D-Komponenten, dem besten Sprungantrieb, ordentliche Schubdüsen und einen guten Treibstoffsammler zum Auftanken an den üblichen Sonnen. Damit schafft man 33,5 Lichtjahre pro Hypersprung. Das ist schon ordentlich. Theoretisch kann man auch mehr aus dem Kasten rausholen, wenn man die Sitze abschraubt.

Irgendwann ersetzte Dr. Han mir meinen „Basis Discovery Scanner“ meines Forschungsmoduls mit einem „Fortgeschrittenen UCF Discovery Scanner“ sowie einem „Detail- Oberflächenscanner“. Sozusagen ein Geschenk der UCF, wohl nicht ganz ohne Hintergedanken. Das Planetenlandesmodul und der SRV Scarab, ein Buggy für die Oberfläche, zum Befahren von langweiligen Gesteinsplaneten, gönnte ich mir mal aus einer Laune heraus. Den Kredit zahle ich heute noch ab – bei Li, dem Chinesen.

So schließt sich der Kreis. Na, ja noch nicht ganz. Da gibt es noch Layla, die gute Seele an Board der Glan. Immer dabei, kümmert sich um Alles: Navigation, Technik, Genehmigungen, Start- und Landeerlaubnis, Logistik, Versicherungen, Essen, Zeitplanung, Buchhaltung. Ohne Layla geht es nicht. Nein, ohne sie geht es nicht. Layla war eine schlanke aber stämmig gebaute „Co-Pilotin“, die bei mir vor gut 10 Jahren im Hangar aufschlug und nach einem Job fragte. Da ich zu dieser Zeit einige, sagen wir mal „steuerliche Thematiken“ hatte und mir föderale Agenten im Nacken saßen, sagte ich zu. Nach wenigen Wochen war ich diese Themen durch geschicktes Taktieren und Verhandeln sowie Erledigung von diversem Papierkram durch Layla los. Und die Kombüse war ab jetzt auch immer gut gefüllt. Nun, die ASP Explorer verlangt offiziell auch einen Co-Piloten, dessen Sitz unterhalb des Piloten ebenfalls vorne heraus in einer separaten Kanzel liegt, aber ich kann sie bequem alleine fliegen. Doch laut Standard-Förderationsprotokoll bedarf es halt eines Co-Piloten, der bei Schiffsscans ebenfalls auch an Board sein muss. Das war Layla.

Doch Layla war nicht mehr in ihrer Koje. Auf dem Radarboard der Glan lag ein Zettel. „Fühl mich nicht wohl, gehe zum Doc in die Krankenstation im Med-Bay“. Ich runzelte die Stirn und fühlte meinen ansteigenden Puls.

9:07 Uhr: Layla kommt zurück. „War dann doch nur ein grippaler Infekt, und ich dachte ich hätte mir die Nieren verkühlt“. Ich kuckte sie verdutzt an und entgegnete: „Grippaler Infekt, Nieren?“ So etwas konnte ich natürlich nicht gebrauchen, vor allem nicht, kurz vor einer mehrere Monate langen Reise, in der man eng aufeinander in einem rostigen Haufen voller Stahl hockt – ohne Doc und erst recht ohne Med-Bay.

Nun, ja. Aber ohne Layla ging es nicht. Und daher sagte ich: „Dann lass uns in Eranin noch einen Zwischenstopp machen und ein paar Flaschen von dem Eranin Pearl Whiskey holen, nur zur Sicherheit“. Den hatten wir standesgemäß immer dabei, als Notfallmedizin und Seelentröster, wenn uns die Leere des Weltraums mal wieder unendlich vorkam. Und solche Situationen gibt es oft auf solch langen Reisen.

Doch der Pearl Whiskey ist halt kein normaler Whiskey, vermutlich auch wirklich wegen seiner angeblich heilenden Kräfte, ist er auch –illegal-, und jeder Standardscan unterwegs von einer ortsansässigen Systempolizei freut sich auf das Einholen dieser fetten Strafe. Nun, das Risiko gingen wir ein.

Und, ja, Layla war zwar eine Frau und äußerst attraktiv, aber mein erster Versuch einer Annäherung konterte sie mit einem gezielten: „Ich bin der Co-Pilot, vergessen Sie es“. Damit waren die Seiten geklärt und ich beließ es dabei. Man konnte mit ihr aber immer einen guten Whiskey trinken. Ihre Lebensgeschichte und Herkunft ist mir allerdings bis heute noch unklar. Sie stammt aus einer armen Bergbaufamilie aus dem HARM System und verließ diese schon als sie sechzehn war. Danach heuerte sie auf verschiedenen Schiffen an und landete schließlich bei mir. Und das nun schon eine ganze Weile. Jedoch verfolgt sie irgendein Ziel, welches mir noch komplett verborgen scheint. Nachts sitzt sie daher ständig an der Galaxy Map und studiert diese sehr vertieft.

10:30 Uhr: Die Triebwerke zünden, Schubdüsencheck, die Sensoren klickern. „Startfreigabe erteilt“ ruft Layla von hinten aus dem Navigationsraum. Mit einem wummerigen Zittern hebt die Glan Naur vom Startpad ab, dieser etwas unförmige, dicke Pot mit der markanten Pilotenkanzel weit nach vorne ausgelagert für den fast kompletten 270 Grad Blick nach draußen.

Nach sieben Stunden Flug erreichen wir das Sonnensystem Eranin. Zwischendurch wurden wir mal wieder von einer Systempolizei gescannt (gut, dass wir noch kein Whiskey an Board hatten) und eine der nicht selten in diesem System vorhandenen Piratenfraktionen hatte schon unsere Spur aufgenommen und eine Interdiction versucht. Bei diesen lästigen Interdictions wird unser Austritt aus dem Hypersprung gescannt und unsere Supercruise-Flugroute prognostiziert, auf der man dann im wahrsten Sinne des Wortes rausgezogen wird. Der Hypersprungantrieb ist dann auch erstmal für eine gewisse Zeit lahmgelegt. So etwas geht nur mit verbotenen Interdiction Devices, die nur die Systempolizei und föderale Agenten normalerweise besitzen. Piraten halt dann auch. Aber wenn man sich zu wehren weiß, oder wie in unserem Fall im Besitz einer superschnellen ASP Explorer einfach wegboostet und vollen Schub gibt, kann man diesen Interdictions dann doch entgehen. Dabei macht man sich so schnell wie möglich aus dem Staub, bis der Sprungantrieb wieder funktioniert und weg ist man wieder. Wenn alles klappt.

Wir steuern auf Azeban City zu, der Hauptstation von Eranin. Der Anflug gestaltet sich unproblematisch. Wir wollen hier nur ein paar Flaschen Whiskey kaufen und frischen Fisch. Auf Eranin wird größtenteils Landwirtschaft betrieben und die Produkte werden über Azeban City in die ganze Galaxis verkauft. Azeban ist somit ein riesiger undurchsichtiger Markt für Vieh, Getreide, Fisch, Obst und Gemüse und alles mögliche an weiteren Nahrungsmitteln.

Ich habe einen Tipp bekommen, Fisch zu kaufen. Nun gut, Layla hat die Handelsrouten mit Ihrem selbst entwickelten Tool studiert und herausgefunden, dass auf dem Außenposten, den wir ansteuern wollen, eine leichte Hungersnot vorherrscht und der Bedarf (also der Preis) für Fisch am höchsten ist. Nun, gut, wir müssen ja auch immer etwas Taschengeld nebenher uns verdienen. Sprit ist teuer. Da unser Laderaum aber nur 8 Tonnen Kapazität hat, können wir nicht so viel von dieser hoffentlich nicht gammelig werdenden Ware mitnehmen. Die ASP Explorer kann auch umgebaut werden, und hat dann über 100 Tonnen Laderaum. Aber wie gesagt, wir sind auf Langstreckenforschung getrimmt und unser Hypersprungantrieb sowie der SRV Buggy belegt den größten Teil unseres Lagerraums.

Layla hat die Papiere für unsere Ladung schon über ihren Agenten durch den Handelsmarkt durchgebracht und der Fisch ist bereits schon in unserem Frachtraum. Der Whiskey auch.  Ohne Papiere. Schnell weg von dieser turbulenten Station.

„Startfreigabe erteilt“ ruft Layla wieder von hinten. Ich zünde die Triebwerke, die Schubdüsen geben der Glan Naur etwas an Höhe, ich beuge langsam den Steuerstick nach vorne und fliege vorsichtig aus der Station. Speeding in der Landezone der Station und noch einige Kilometer darüber hinaus kann mit einer heftigen Strafe belegt werden, wenn es zu einem Unfall oder nur Kratzern mit anderen Schiffen kommt. Als ob das unser einzigstes Problem wäre.

Unser Ziel ist erstmal der letzte Außenposten der bewohnten Blase im oberen Sektor. Die Blase ist der von Menschen besiedelte Bereich an Sonnensystemen. Außerhalb der Blase sind nur noch unbesiedelte Systeme und endlose Weite mit unbewohnten Planeten. 400 Milliarden Planeten soll es geben da draussen, so die UCF laut ihrer neusten Statistik. Der Außenposten liegt im System „17 Draconis“. Ich war vor einigen Monaten schon mal da wegen einer anderen Kuriermission, da war es nur ein dunkler, schrottiger Müllhaufen aus Stahl mit zwei mittleren Landepads und einem Schwarzmarkt für die dort ansässige Erzraffinerie. Layla hat aber herausgefunden, dass es mittlerweile mit Hilfe der Förderation zu einem imposanten Orbital ausgebaut worden ist und somit der letzte hell erleuchtete Außenposten vor dem Weg in die endlose dunkle Weite ist. Wahrscheinlich eine Taktik der Förderation ihren Machtbereich zu demonstrieren und für alle ersichtlich zu haben.

17 Draconis war ca. 16 Hypersprünge von Eranin entfernt und so machte ich es mir bequem auf meinem Pilotensitz und plante die Route in der Galaxy Map, die Layla aus dem Navigationsraum bereitstellte. Plötzlich sah ich einen grün erleuchteten Punkt. Ein Leuchtfeuer von einem befreundeten Commander. Es war Commander Dangervisit, der sich ganz in der Nähe aufhielt und dessen Standort auf unserer Route lag. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und so beschloss ich unsere Route etwas zu modifizieren und vielleicht einen Schluck Whiskey mit einem alten Freund zu vernichten. Für die Gesundheit natürlich. Ich funkte ihn an und wir trafen uns direkt am Hopkins Orbital. Er parkte im Schwebemodus direkt vor dem Orbital mit seinem Schiff, einer Cobra MK III. Kurzes Flügelschwingen und ich dockte direkt neben ihm an. Die Begrüßung war sehr herzlich. Ich erzählte ihm von der vor mir liegenden Reise und er staunte nicht schlecht. „Sagittarius A, oha, na dann guten Flug, habt Ihr genug Essen mit?“ fragte er. Ich sagte: „8 Tonnen Fisch“ und wir prusteten uns lachend an. Aber er hatte es eilig. Er war ein umtriebiger Händler, immer auf der Suche nach gutem Profit und die Ware musst pünktlich abgeliefert werden. Somit verschoben wir unser Glas Whiskey auf ein anderes Mal. Zum Abschied sagte er mir noch: “Da draussen, pass auf Bangalor, man hört von unbekannten Artefakten …“ und die Geschichte der außerirdischen Thargoiden, die am Rande der Galaxis angeblich gesehen wurden, kam auch aus seinem Mund. Ich hielt das, wie immer für ein Gerücht, doch das GalNet, das Informationssystem für alle Commander, speiste die News ständig mit solchen Vermutungen. Einige Randstationen beklagten mittlerweile den unerklärlichen Ausfall von stationsrelevanten Systemen. Grund sei dafür, dass weitgereiste Commander mit nicht näher identifizierbaren Artefakten aus den Weiten des Weltraumes zurückgekehrt waren. Der Ausfall der Systeme sei auf die mitgebrachten Artefakte zurückzuführen. Nun, ich dachte mir, dass das wohl eher mit den unterfinanzierten Stationsbudgets zusammenhing und den einhergehenden Energiemangel auf vielen Stationen dort draussen.

Am nächsten Tag erreichten wir 17 Draconis. Der letzte Außenposten so weit draussen hier hieß Paradiso Outpost. Ein klangvoller Name. Und ja, er war mittlerweile kein Schrotthaufen mehr. Es war eine vollwertige Orbis-Station basierend auf dem Standard Torus Design, 4km lang, 2km Durchmesser, mit eigenständiger innerer Atmosphäre im Hubbereich und angenehmen 0,5 G Schwerkraft. Mittlerweile befanden sich zur Versorgung der Station riesige Fracht- und Lagermodule im Innenring an der majestätisch und behäbig rotierenden Station. Layla kümmerte sich um die Landerlaubnis. „Docking request granted“ erschallte es aus dem Lautsprecher des Docking Computers. Wir landeten auf der letzten von Menschen bewohnten Station am Rande der Blase. Vor uns lag die dunkle Weite des Weltalls. Das nächste Ziel auf unserer Reise, Sagittarius A lag mehrere Monate Flugzeit vor uns. Uns war klar, dass war die erstmal letzte Landeerlaubnis, die Layla einholen musste. Die Glan Naur wird für die nächsten Monate unsere Zuhause sein, ein kleines Schiff umhüllt mit titanlegierten Metallplanken, die die für uns so kostbare und atembare Atmosphäre einschließen.

Nun war es an der Zeit, um erstmal die Vorräte in der Kombüse aufzufüllen. Ja, und den Fisch mussten wir auch noch verkaufen, was uns auf dem Schwarzmarkt auch erfolgreich gelang. Ein letzter Blick nochmal auf die Sensoren, den Radar und die Galaxy Map. Einige wenige Pünktchen waren sichtbar, meist kleine Schiffe anderer Commander, gut sichtbar an der Schiffskennung, die mitgesendet wurde. Jedoch bemerkte ich seit unserem Abflug von Arjung immer wieder ein Pünktchen, was meist zwei bis drei Stunden nach unserer Ankunft auf den jeweiligen Stationen erschien, immer ohne Kennung, jedoch immer von der gleichen Art bzw. gleichen Schiffssignatur, scheinbar immer auf der selben Route wie wir. Dabei hatte ich bzw. Layla hatte dafür immer gesorgt, ja eigentlich keinen föderalen Agenten mehr im Nacken zu haben. Doch der Punkt erschien nach kurzer Zeit immer wieder auf unserem Radar und schien uns anscheinend immer zu folgen. Ich schaltete das Radar aus und versuchte diesen für mich eigentlich nicht wirklich relevanten Gedanken auszulöschen. Ich behalf mich mit einem Glas Whiskey und ging dann zurück in meine Koje. Morgen erwartete uns schließlich der Beginn einer langen Reise.

Fly safe Commanders.

Euer Commander Bangalor

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